Von altchinesischer Dichtkunst, Klebreisklößchen und Drachenbooten

Die Nachricht traf per WeChat ein: „Kommst du morgen Nachmittag zu uns?“, fragte meine chinesische Freundin. „Wir wickeln Zongzi.“ Ich sagte sofort zu. Denn wenn Zongzi, also Klebreisklöße, in Bambus- oder Schilfblätter gewickelt werden, dann steht das Doppel-Fünf-Fest unmittelbar bevor. Fast hätte ich diesen Feiertag vergessen, was in einem deutschen Umfeld ja leicht passieren kann. Anders unter Chinesen. Da hat man die Termine der anstehenden Feste immer fest im Blick. Am Tag darauf telefonierte ich mit einer befreundeten Familie in Shanghai, um ein frohes Doppel-Fünf-Fest zu wünschen. Die Tochter des Hauses war extra aus der Nachbarprovinz nach Shanghai geeilt, um mit ihren alten Eltern den Festtag gemeinsam zu begehen. „Ich kann schon keine Klebreisklöße mehr sehen!“, klagte sie. „Jeden Tag kocht meine Mutter Zongzi, weil sie ständig welche von Freunden und Nachbarn geschenkt bekommt.“

Egal ob in der Volksrepublik China, auf Taiwan oder in den chinesischen Familien im Ausland – am fünften Tag des fünften Monats nach dem Mondkalender gedenkt die chinesische Welt des berühmtesten Dichters des Altertums: Qu Yuan (ca. 340 bis 278 v. Chr.), einem adligen Staatsmann aus dem Königreich Chu.

Qu Yuan, Gemälde von Chen Hongshou (1598-1652), ©Public domain, via Wikimedia Commons

Es waren schwere Zeiten, in denen Qu Yuan lebte. Die Zhou-Dynastie (1100 bis 221 v. Chr.) befand sich im Niedergang und mit ihr die alte Ordnung. Einst hatten die Könige von Zhou ihr erobertes Land in Lehen aufgeteilt und diese an Mitglieder der Herrscherfamilie, an Stammesfürsten und loyale Adlige vergeben. Doch im Laufe der Zeit verloren die Herrscher an Macht, während die Lehnsstaaten erstarkten und sich einige von ihnen sogar zu Königreichen erhoben. Grausame Kriege um Territorium und Vorherrschaft wurden geführt, und das über viele Jahrhunderte und nicht nur gegen die Herrscher der Zhou, sondern auch untereinander. Die gesamte Periode ging als Zeit der Kämpfenden Staaten in die chinesische Geschichte ein. Trotz dieser Widrigkeiten entwickelte sich zur selben Zeit ein Geistesleben von einzigartiger Vielfalt, eine Blütezeit der chinesischen Philosophie. Damit einhergehend entstand eine neue gesellschaftliche Elite. Es war nicht mehr nur die adlige Abstammung, die persönlichen Aufstieg versprach, sondern vor allem Bildung, Wissen und Geschick. Zur Sicherung wirtschaftlicher und militärischer Macht brauchte man Bauern und Soldaten. Doch hatten die Könige und Fürsten inzwischen erkannt, dass es ebenso wichtig war, über kluge Berater zu verfügen, die etwas von Staatsführung, Diplomatie und politischem sowie strategischem Taktieren verstanden. Tausende von Beratern zogen durch das Land und boten an den Fürsten- und Königshöfen ihre Dienste an. Doch war es schwer, einen willigen Herrscher zu finden, der ihren Ratschlägen folgen würde. Andererseits war es für die Herrscher nicht leicht, die Fähigkeit eines Beraters zu erkennen. Die chinesische Geschichte erzählt von vielen Beispielen, als Herrscher falschen Ratschlägen folgten und im Desaster endeten, während andere durch kluge Berater zu großer Macht gelangten. Der berühmteste unter den Beratern war der zu Lebzeiten nur wenig erfolgreiche Konfuzius, dessen Lehre jedoch das chinesische Denken über mehr als zwei Jahrtausende bestimmen sollte.

Das Land der Chu lag am Mittel- und Unterlauf des Yangzi-Flusses im Süden Chinas. Seinen Herrschern war es gelungen, erheblich an Macht und Territorium zu gewinnen und für alle anderen Staaten zu einem ernsthaften Konkurrenten im Kampf um die Vorherrschaft zu werden. Nahezu alles, was man heute über den Dichter Qu Yuan weiß, stammt aus dem Li Sao, Lied von der Verzweiflung, dem bekanntesten seiner überlieferten Gedichte. Es erzählt von der Tragik seines Lebens. Zu Beginn heißt es: „Ich entstamme dem Hause des großen Kao-yang, / Po-yung des Vaters Name war. Als She-ti, der Stern, im Frühjahr stand, / ward ich am Tag Keng-yin geboren.“ (Zitiert nach Peter Weber-Schäfer:  Altchinesische Hymnen, Köln 1967)

Kao-yang galt als Ahnherr des Herrscherhauses von Chu. Von ihm abzustammen bedeutete, dass Qu Yuan ein Verwandter der königlichen Familie war. „Schönheit der Seele, die ich besaß von Geburt, / den Schmuck des Körpers fügt ich selbst hinzu. / … Ich hetzte durchs Leben wie gejagt, / als wolle die Zeit mich überholen.“ (Weber-Schäfer, ebd.)

Qu Yuan führte ein privilegiertes Leben, stand in enger Verbindung zum König und genoss hohes Ansehen. Irgendwann erkannte er, dass die falschen Berater den König umgaben und die Zukunft des Landes auf dem Spiel stand. „Gierig streiten sich alle die andern, / kein Überfluß stillt jemals ihr Begehr. / Selbstgerecht sind sie, hart gegen andere, / Bosheit und Neid zerfressen ihr Herz. / Sie rasen dahin, der eine, der andere, / doch nicht nach dem Ziel, das ich begehr.“ (Weber-Schäfer, ebd.)

Seine Warnungen fanden beim König kein Gehör. Im Gegenteil: Qu Yuan fiel einer Intrige zum Opfer und daraufhin beim König in Ungnade. Er musste den Hof verlassen. Ob er verbannt wurde oder freiwillig ins Exil ging, ist nicht überliefert. Jedoch zeugt sein Gedicht davon, wie tief ihn dieses Schicksal verletzt hatte und in welche Verzweiflung ihn die Sorge um seine Heimat trieb. Er sollte mit seinen Befürchtungen recht behalten.

Qu Yuan setzte seinem Leben ein Ende, indem er sich in den Fluten des Milo-Flusses ertränkte. Nach der Legende kamen Fischer mit ihren Booten herangeeilt, um ihn zu retten. Wie Drachen sollen sie mit ihren Booten das Wasser durchpflügt haben. Doch ohne Erfolg. Sie fanden ihn nicht. Aus Sorge, sein Leichnam könnte von hungrigen Fischen gefressen werden, warfen Frauen schließlich in Schilf- und Bambusblätter gewickelte Nahrung in den Fluss. Mit dieser Legende begann der Brauch der Drachenbootrennen, bei denen junge Leute mit ihren Booten über das Wasser hetzen und die Fluten aufwühlen. Und ebenso der Brauch des Zongziwickelns. Doch isst man sie heute lieber selbst und wirft sie nicht mehr ins Wasser.

Und so versammelten wir uns in großer Runde am Nachmittag des Doppel-Fünf-Festes um den Esstisch meiner Freundin. Es waren noch Verwandte und andere Freunde hinzugekommen. Unsere Augen ruhten erwartungsvoll auf den Zutaten. Die getrockneten Bambusblätter waren schon vor Stunden in Wasser eingeweicht worden. Zwei verschiedene Füllungen, Klebreis mal süß, mal salzig, standen bereit. Jede Familie hat ihre eigenen Rezepte. Und dann ging es los.

Mehrere Stunden in Wasser eingeweichte Bambusblätter © Petra Häring-Kuan
Zwei Blätter werden kunstvoll gefaltet.
© Petra Häring-Kuan

 

 

Die Bambusblätter mussten doppelt gelegt, gefaltet, gefüllt und kunstvoll verschlossen und zum Schluss als kleine Päckchen auch noch verschnürt werden.

Füllung aus gewürztem Klebreis und mariniertem Schweinefleisch
© Petra Häring-Kuan
Vorsichtig müssen die Päckchen verschlossen und verschnürt werden © Petra Häring-Kuan

 

 

 

 

 

Im Nu waren mehrere Haufen Zongzi entstanden. Doch nun mussten sie noch zwei Stunden gekocht werden.

Aber wie ging es nach Qu Yuans Tod weiter mit dem Staate Chu? Ying Zheng, dem König von Qin, gelang es, alle anderen Staaten zu unterwerfen und das Reich zu einen. Er gründete die Qin-Dynastie (221 bis 206 v.Chr.) und ernannte sich selbst zum ersten Kaiser Chinas: der berühmte Qin Shi Huangdi. Obwohl seine Dynastie nur von kurzer Dauer war, entstand in dieser Zeit ein Staatssystem, das über 2000 Jahre im Wesentlichen beibehalten werden sollte. Qin Shi Huangdi entmachtete den Adel und schuf einen zentralistischen Beamtenstaat, der bis heute das Selbstverständnis der meisten Chinesen von einem geeinten Reich prägt.

Der unglückliche Qu Yuan wiederum wurde nicht vergessen. Die Schönheit seines Li Sao machte ihn unsterblich. In den vergangenen Tagen zirkulierten in den chinesischen sozialen Netzwerken diverse Videoclips, in denen sein “Lied von der Verzweiflung” rezitiert und gesungen wurde.

Die Schönheit eines Gedichtes in eine Fremdsprache zu übertragen, ist schon immer schwer gewesen, weshalb sich auch bei Qu Yuans Li Sao nur wenige daran versucht haben. Eine passable Übersetzung gelang Peter Weber-Schäfer, dessen „Altchinesische Hymnen“ aber leider nur noch antiquarisch erhältlich sind.

Altchinesische Hymnen, Übertragen und erläutert von Peter Weber-Schäfer, Köln 1967

Qu Yuan steht noch heute für Loyalität und Vaterlandsliebe. Er entspricht so ganz dem traditionellen Ideal eines literarisch gebildeten Beamten und Staatsmannes. Doch seine wahre Bedeutung liegt in der des Dichters. Nicht zuletzt ist er der erste in der altchinesischen Dichtkunst, dem einzelne Werke namentlich zugeordnet werden konnten.

© Petra Häring-Kuan
© Petra Häring-Kuan

Doch zurück zu unseren Zongzi. Wir umgingen die lange Kochzeit mit dem Einsatz eines Schnellkochtopfes. Schon nach einer guten halben Stunde waren die Klöße gar. Vorsichtig öffneten wir die Blätter. Ein wunderbarer Duft strömte uns entgegen. Herrlich! Die Mühe hatte sich gelohnt. Alle waren zufrieden. Das Essen konnte beginnen. Meine Freundin zückte ihr Handy und rief ihre Mutter per Videochat in Shanghai an. Dabei vergaß sie die Zeitverschiebung von sieben Stunden und weckte die alte Dame aus dem Schlaf. Aber egal. Die Handykamera filmte die dampfenden Zongzi und unsere fröhliche Gesellschaft. Die Enkelkinder winkten ihrer Großmutter zu. Die alte Dame lächelte zufrieden. Alles in Ordnung. Ein frohes Doppel-Fünf-Fest!

© Petra Häring-Kuan
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